„Hier herrscht mein Lebensgefühl.“

Juni 3rd, 2008

Geschäftsführerin Pascha Nightclub

Erika Thiel, Chefin des „Pascha-Nightclubs“, über Köln, Toleranz und ihren Traum von New York. Ein Gespräch.

Über den Wolken, im 10. Stock des größten Bordells Europas. Erika Thiel nimmt Platz, vor dem Fenster liegt ihr der Kölner Westen zu Füßen. Es ist nachmittags – eine entspannte Zeit, der Dienst für die Geschäftsführerin des im Parterre gelegenen Nightclubs beginnt erst am Abend. Noch ehe das Tonband läuft, hat die Hausherrin schon die erste Frage gestellt.

ERIKA THIEL: Was dagegen, wenn ich rauche?

WIR SIND KÖLN: Nein, natürlich nicht.

THIEL: Solange das hier in Deutschland noch möglich ist …

Ja, richtig, das Rauchverbot wird hier ja auch gelten müssen.

THIEL: Naja, wie genau das umgesetzt werden kann, werden wir sehen.

Es wird also Ausnahmen geben?

THIEL: Mal sehen. Ich wäre dafür, dass nirgendwo geraucht werden darf, nur draußen. Aber bei uns wird es schwierig sein, das Rauchen ganz aus dem Haus zu kriegen. Vielleicht wird es bestimmte Bereiche geben, in denen geraucht werden darf.

Wie sehen Sie das persönlich? Sie rauchen ja selber …

THIEL: Wir sind sicher nicht die einzigen, die sich da Sorgen machen, das betrifft ja alle Gastronomen. Und da sind durchaus auch Existenzen bedroht. Für mich persönlich: Wenn ich es endlich packe aufzuhören, dann ist das nächste Reiseziel New York. Das hab ich mir bislang nämlich immer verkniffen, weil ich wusste: Da muss ich dann immer vor die Tür.

Wie viel rauchen Sie denn?

THIEL: So anderthalb Päckchen kommen in einer Nacht schon zusammen.

“Man lernt dieselben Leute kennen,
aber in einer anderen Art und Weise.”

Wahrscheinlich ist die Raucherquote in Ihrem Umfeld höher als anderswo.

THIEL: Klar, Nachtleben eben. Das ist ein spezielles Leben. Man lebt am normalen Leben vorbei, weil das Tag-Nacht-Verhalten ein anderes ist. Die normalen Leute stehen morgens auf und gehen arbeiten, kommen abends nach Hause, schlafen und gehen dann wieder arbeiten. Ich stehe auf, habe Freizeit, und gehe dann arbeiten, wenn die anderen frei haben. Das macht es manchmal schwierig, soziale Kontakte zu pflegen.

Man lernt aber auch automatisch andere Leute kennen, oder?

THIEL: Man lernt dieselben Leute kennen, aber in einer anderen Art und Weise. Jemand, der zum Beispiel bei der Stadt arbeitet, verhält sich ja am Tage anders als in seiner Freizeit. Das ist natürlich manchmal auch sehr interessant.

Wie war denn Ihr Weg ins Nachtleben?

THIEL: Ich bin über die Bekanntschaft mit dem Inhaber dazu gekommen. Ich bin eigentlich eine ganz normale Bankkauffrau, ich habe mit solchen Dingen eigentlich gar nichts am Hut. Aber seit ich den Club - der ja sieben Jahre lang einfach brach lag, weil die Gesetzeslage keine Konzession zuließ – zum ersten Mal gesehen hatte, hatte ich eine Vision. Dieser Club, der hat einfach was, der hat eine Magie, die spürt man. Aber auch, nachdem sich die Gesetzeslage geändert hatte, musste ich noch zehn Monate um die Konzession kämpfen. Irgendwann haben wir uns mit der Stadt geeinigt, und inzwischen ist das wirklich eine sehr gute Zusammenarbeit.

Im Wort Konzession steckt ja auch drin, dass man Konzessionen machen muss. Wie sehr mussten Sie der Stadt entgegen kommen?

THIEL: Es gibt Auflagen. Aber letztlich hat sich das alles relativiert. Die Leute von den Ämtern waren da, haben sich das selbst angeschaut und gemerkt, das läuft gut. Das ist halt einfach ein Gute-Laune-Laden. Und das soll’s auch bleiben, zumindest solange ich da bin.

Sie machen das jetzt seit …

THIEL: … ziemlich genau fünf Jahren. Seit dem 1. Mai 2003.

Und wie lange noch?

THIEL: So lange wie möglich, so lange es Spaß macht. Der Laden ist mein Baby. Mit vielen guten Leuten dabei, von den weniger guten hat man sich längst getrennt. So hat sich das zu einem ganz besonderen, fast schon zu professionellen Laden entwickelt. Mittlerweile ist alles ziemlich eingespielt, so dass man darauf achten muss, auch immer mal wieder was Neues rein zu bringen, um die Leute aus dieser Routine rauszukriegen.

Was tun Sie konkret?

THIEL: Für mich steht und fällt so ein Geschäft mit der Atmosphäre. Die Angestellten müssen merken, dass da Herzblut dabei sein muss, und nicht nur zusehen, dass sie hier ihr Geld verdienen. Nach außen versuchen wir mit besonderen Veranstaltungen, zum Beispiel mit Konzerten, Offenheit zu zeigen und Schwellenangst zu nehmen.

“An Karneval gibt es mitunter wesentlich unmoralischeres Verhalten als bei uns. “

Erzählt der Umstand, dass eine Institution wie die Ihre vor 2003 nicht möglich war, auch etwas über Köln? Sind die Kölner vielleicht gar nicht so tolerant, wie sie sich selbst gerne sehen?

THIEL: Ich kann es nicht sagen. Ich will auf keinen Fall etwas gegen die Kölner oder die Stadtverwaltung sagen. Vielleicht nur soviel: Doppelmoral gibt es überall. Die Toleranz war möglicherweise nicht immer da. Und man darf ja auch nicht vergessen: Köln ist katholisch. Dabei gibt es an Karneval mitunter wesentlich unmoralischeres Verhalten als bei uns. Aber das ist natürlich Ansichtssache. Wir leben mit dieser Doppelmoral. Für uns ist das normal.

Der Begriff der Moral begegnet Ihnen häufiger, nehme ich an.

THIEL: Es ist mir wichtig, die Dinge auseinander zu halten. Zum einen: Ich bin selbst eine Frau. Zum anderen: Ich bin gegen jede Art von Frauenfeindlichkeit. Das Wort Emanzipation ist zu abgedroschen, um meine Haltung auszudrücken. Vielleicht so: Gleiches Recht für alle. Und ich denke auch: Was ich nicht will, das man mir tut, das tue ich meinem Nächsten auch nicht an.

Eine sehr christliche, man könnte fast sagen katholische Haltung.

THIEL: Wirklich? Wenn sich alle an diesen Satz halten würden, wäre es jedenfalls manchmal sehr viel einfacher, miteinander umzugehen. Aber wir leben nun mal in einer oberflächlichen Gesellschaft, das muss man akzeptieren. Ich selbst bin normalerweise ziemlich geradeaus, mit dieser Art mache ich mir natürlich nicht immer Freunde. Aber die Hauptsache ist doch, dass ich selbst in den Spiegel gucken kann.

Sie sprechen von einer „oberflächlichen Gesellschaft“. Wenn man von außen auf dieses Haus blickt, dann muss man doch den Eindruck haben: Hier wird die Oberflächlichkeit gefeiert.

THIEL: Wenn man so will, wird hier auch Scheinheiligkeit gefeiert. Aber hier ist auch nicht die reale Welt. Man taucht hier rein und erlebt eine Illusion. Und ich denke, dass die meisten das auch wissen. Die Leute, die hier reingehen, sind erwachsen, die sind für sich selbst verantwortlich.

Dafür bezahlt man ja auch: dass man hier in eine andere Welt entführt wird.

THIEL: Es ist die freie Entscheidung eines jeden, wo er hingeht. Ob er hier ins Laufhaus geht, ob er da in den Club geht, ob er in den Tabledance geht. Ich habe mal eine Abhandlung gelesen von einer Tabledancerin, die sich hier bei uns ihr Psychologiestudium finanziert hat. Die Leute, die hierher gehen, wollen einer Illusion erliegen. Man darf die Frauen ja nicht einmal anfassen, alles findet im Kopf statt. Unsere Gäste, die allermeisten, wissen also genau, was sie tun.

Aber es gibt doch vermutlich jeden Abend auch Leute, die diesen Konsens nicht einhalten.

THIEL: Ja, selbstverständlich, gerade jüngere Leute. Wenn so ein 18-jähriger hier zum ersten Mal reinkommt, dann denkt er, er ist in der großen weiten Welt. Es gibt ihm ein Gefühl von Macht: Mit dem Geld, das er hier ausgibt, kann er sich scheinbar alles erkaufen. Es passiert jeden Abend, dass Menschen übers Ziel hinausschießen wollen. Die kriegen das zwei-, dreimal gesagt, und wenn sie’s dann immer noch versuchen, wird der Tanz abgebrochen.

“Ich kann mir als Mann keine
bessere Umgebung wünschen.”

Was haben sie für Erfahrungen mit offenen Veranstaltungen gemacht, zu denen Frauen und Männer kommen können?

THIEL: Gute und schlechte. Beim Sommerblutfestival wurde die Eröffnungsveranstaltung, die bei uns stattfinden sollte, an einem anderen Ort ausgetragen. Auslöser waren heftige Diskussionen von Seiten einiger Künstler, die bei uns nicht auftreten wollten. Unsere erste Veranstaltung dieser Art war gemeinsam mit den Paveiern. Die haben damals in verschiedenen Kneipen Benefizkonzerte gespielt und Spenden für ein Frauenhaus gesammelt. Die Abschlussveranstaltung sollte an einem besonderen Ort sein, und so kamen die Paveier zu uns. Es ging auch alles gut, nur die Leiterinnen des Frauenhauses haben gesagt: Nein, in so eine Umgebung wollen wir nicht, und das Geld davon wollen wir auch nicht. Das sind die üblichen Vorurteile, dabei sollen die Leute doch einfach erstmal kommen und sich umschauen. Ob es ihnen dann gefällt oder nicht, ist natürlich ihre Sache. Aber ich kann doch nicht einfach verurteilen, was ich nicht kenne. Das hier bei uns, das ist erotischer Tanz, das sind choreographierte Shows, die Mädchen sind sehr natürlich und charmant – also bitteschön: Ich kann mir als Mann keine bessere Umgebung wünschen. Wenn’s so etwas für Frauen gäbe, würde ich das auch in Anspruch nehmen.

Wieso gibt’s das nicht für Frauen?

THIEL: Frauen sind anders.

Wollen die das gar nicht?

THIEL: Nein, anscheinend nicht. Uns fehlt wahrscheinlich das Testosteron für so etwas.

Aber es gibt doch zum Beispiel die Chippendales?

THIEL: Da war ich auch, und total begeistert. Die waren übrigens auch schon hier, aber nur zu Gast, nicht auf der Bühne. Da hatte ich mal die California Dreamboys. Da waren 30 Frauen hier. Verdammt wenig. Perlen vor die Säue. Soviel zum Thema: Warum gibt’s so was nicht für Frauen.

Sie haben ja diese besondere Eintrittsregelung: Man zahlt einmal Eintritt und hat damit auch schon die Getränke bezahlt. War das neu damals, 2003?

THIEL: Das war nicht unbedingt das Neue damals, neu war das Gesamtkonzept, das ist nach wie vor einmalig. Sie dürfen nicht vergessen: Wir sind nicht an den Ringen, wo die Leute einfach so vorbeikommen. Die Leute müssen gezielt hierher kommen, und dafür müssen wir ihnen was bieten. Das fängt an bei den Eintrittspreisen mit den Getränken inklusive, geht weiter mit dem Privat-Dance schon ab zehn Euro, jede volle Stunde gibt es eine voll choreographierte Show von guten Tänzerinnen, die nicht einfach irgendwie an der Stange rumturnen, es gibt einen Charlie Chaplin unter der Woche, der die Leute unterhält – das ist wie so ein kleiner Zirkus, und so soll das auch sein. Die Leute sollen sich wohl fühlen, von der ersten Minute an, die sollen gute Laune kriegen.

“Ich kann ja nicht nur die ganz tollen Überfrauen haben, da hat manch ein Mann Angst davor.”

Worauf ich eigentlich hinauswollte: Kann man Sie die Erfinderin der Flatrate-Partys nennen?

THIEL: Nein nein, die gab es schon früher. Es ist einfach so: die Leute rechnen heute ganz genau. Wenn ich anderswo zum Tabledance gehe, dann zahle ich für den Eintritt, zahle für die Getränke, zahle für den Private-Dance … Hier kann sich einer sagen: Okay, ich stecke 50 Euro ein, das ist auch viel Geld, aber dafür kann ich theoretisch von 21 bis 5 Uhr sitzen, guck mir die Shows an, mache noch zwei Private-Dances, dann bin ich den ganzen Abend beschäftigt. Das zieht auch heute noch, das dürfen wir gar nicht ändern.

Und das rechnet sich.

THIEL: Das rechnet sich.

Auch für Sie.

THIEL: Ja.

Welche Vorbilder haben Sie für die Shows?

THIEL: Die Tänzerinnen sind sehr gemischt. Ich kann ja nicht nur die ganz tollen Überfrauen haben, da hat manch ein Mann Angst davor. Ich muss eine gesunde Mischung haben aus Mädels, die richtig natürlich, aber vielleicht nicht unbedingt herausragende Tänzerinnen sind, und aus hervorragenden Tänzerinnen, die richtig kreativ sind, sich tolle Choreographien ausdenken, sich auch anderswo umschauen. Das mache ich ja auch, in Paris zum Beispiel oder in Las Vegas.

Was gibt es denn nur in der Pascha-Tabledance-Bar?

THIEL: Wir unterscheiden uns durch diese Mischung aus unterschiedlichen Angeboten, wir bieten eben nicht nur Tabledance, sondern arbeiten auch mit Künstlern wie Gerd Köster zusammen oder laden Artisten aus Monte Carlo ein. Wir versuchen, vielseitig zu bleiben, sonst kommen uns die Gäste abhanden.

Wo kommen Ihre Gäste her?

THIEL: Wir haben viele Stammgäste, also Leute, die wirklich schon zum 800. Mal hier waren. Am Wochenende viele Junggesellenabschiede, das ist immer die größte Gaudi, wenn der Junggeselle auf der Bühne seine Sahneshow abkriegt. Dann viele Messegäste, auch Fußballspieler, Sportler. Einmal war der ganze Laden voller Engländer, für die ist das natürlich das Paradies bei den Preisen. Firmen machen hier Veranstaltungen, wir haben Tagungsgäste.

Kann man beziffern, wer von wo kommt?

THIEL: Also, unter der Woche sind die Messegäste häufig in der Überzahl. Es kommen aber auch Leute aus dem Ruhrgebiet oder aus Stuttgart.

Wie viele Kölner kommen denn zu Ihnen? Oder halten die sich zurück?

THIEL: Ja. Ich glaube, der Kölner bleibt am liebsten in seinem Viertel. Das ist nicht böse gemeint, ich finde diese Bodenständigkeit gut. Wenn das Kölsch gut und kalt genug ist, dann bleibt der in seinem Viertel, in seiner Stammkneipe. Ich bin ja genauso. Wenn ich frei habe, bleibe ich auch meistens in Junkersdorf. Am Anfang habe ich noch versucht, meine eigenen Bekannten hierher zu locken. Die waren dann zwei-, dreimal da, dann blieben sie wieder in ihrem Viertel. Wenn der Kölner Lust auf so etwas hat, dann geht er wohl eher nach Düsseldorf.

“Am Anfang musste ich natürlich Frauen reinlassen. Aber die Erfahrung war nicht unbedingt positiv.”

Um nicht gesehen zu werden.

THIEL: Bei manchen ist das so. Und andere wollen gesehen werden, die gehen dann aber lieber auf entsprechende Partys am Ring. Oder sie wollen zu zweit weggehen, als Pärchen, das passt dann auch nicht, denn wir lassen ja keine Frauen mehr rein.

Das war also keine Vorgabe von Anfang an, das ist aus Erfahrung so entstanden?

THIEL: Am Anfang, natürlich, musste ich doch Frauen reinlassen, ich bin doch selber eine. Aber die Erfahrung war nicht unbedingt positiv. Durch den Alkohol, den man ja hier in ziemlich ungehemmter Weise einnehmen kann, standen dann einige irgendwann selbst an der Stange und haben getanzt, haben sich ausgezogen – das geht natürlich nicht. Und die Männer fühlen sich nicht wohl dabei, die Tänzerinnen sind gehemmt. Ich sehe das immer, wenn wir gemischte Veranstaltungen haben. Das dauert, bis da eine lockere Stimmung aufkommt.

Wie viele gemischte Veranstaltungen gibt es?

THIEL: Fünf bis sechs im Jahr.

Umgekehrt wird Ihnen ja genau das vorgeworfen, dass Sie nur für Männer geöffnet haben.

THIEL: Ja, aber mittlerweile stehe ich dazu. Weil ich es zigmal probiert habe, und es zigmal in die Hose gegangen ist. Es herrscht bei uns eine knisternde erotische Atmosphäre, und da sehen die Frauen sich in Konkurrenz. Das dient nicht der guten Laune.

Müssen Sie sich als Geschäftsführerin noch viele Gedanken ums Image machen?

THIEL: Absolut. Ich muss mich immer wieder gegen Vorverurteilungen zur Wehr setzen. Dieses Schubladendenken hasse ich wie die Pest. Die Leute sollen reingehen und gucken. Ich will auch Kritik haben, denn ohne Kritik kann man sich nicht verbessern. Aber zu dem, was dort gezeigt wird, stehe ich voll und ganz.

“Je natürlicher und je vorbildlicher wir uns verhalten, desto mehr akzeptieren uns die Leute.”

Welche Vorurteile begegnen Ihnen denn am häufigsten?

THIEL: Das sagt mir niemand ins Gesicht. Ich merke häufig am Verhalten der Leute, dass sie Vorbehalte haben. Andere wiederum meinen, mit Betreten dieses Ladens können sie jedes Niveau vor der Tür lassen. Aber dieser Laden hier hat Stil. Dafür stehe ich, darauf achte ich. Die Mädels dürfen zum Beispiel nicht mit Zigarette herumlaufen, das sieht einfach schlampig aus. Die haben sich zu benehmen, denn in diesem Moment bin ich Vorbild, auch für den Gast. Ich will nicht, dass dieser Laden vergammelt. Je natürlicher und je vorbildlicher wir uns verhalten, desto mehr akzeptieren uns die Leute. Dann hat sich alle Mühe gelohnt.

Das „Pascha“ ist natürlich für den Boulevard unglaublich interessant. Wie stehen Sie zu Geschichten in den Zeitungen über Ihr Haus, jüngst etwa die um den Autorennfahrer Häkinnen mit der Schlagzeile: „Mika liebt Mädchen von der Stange“?

THIEL: Wir versuchen, uns behutsam aufzubauen. Da schaden uns solche Geschichten. Wir wünschen uns ja, dass weiterhin prominente Besucher zu uns kommen und sich hier wohl und sicher fühlen. Da dient uns so etwas nicht. Deshalb haben wir das auch nicht großartig kommentiert.

Wie nah sind Ihnen die Mädchen, die hier im Haus Dienst tun?

THIEL: Es gab Zeiten, da hatten die Prostituierten einen noch schwereren Stand als heute. Aber der Schmuddelcharakter ist natürlich geblieben. Wobei ich sagen muss: Ich habe vor diesen Mädchen allergrößte Hochachtung. Sie müssen sich mit Dingen auseinandersetzen, die die Ehefrauen zuhause nicht hinkriegen. Die Frauen, die gut arbeiten, arbeiten nicht nur mit dem Körper, sie müssen auch gute Psychologinnen sein, Einfühlungsvermögen haben und sich selbst als Person zurückstellen können.

Ist es ein Zufall, dass das Pascha – Europas größtes Bordell – hier in Köln steht? Oder hätte das genauso in Düsseldorf, Bonn oder Frankfurt entstehen können?

THIEL: Schwer zu sagen. Das wage ich nicht zu beurteilen.

Stammen Sie selbst aus Köln?

THIEL: Nein, mich hat der Esel im Galopp verloren. Ich bin 1958 in Bad Hersfeld geboren. Mein Vater war Soldat, wir sind oft umgezogen. Aber ich habe meine Kindheit in Köln verbracht, und lebe nun seit 22 Jahren wieder hier. Nach Abitur und Ausbildung bin ich wieder zurückgekommen. Köln ist die einzige Stadt in Deutschland, in der ich leben kann.

Warum?

THIEL: Weil ich die Kölner liebe, ich mag die Art, ich habe ein kölsches Herz. Ich war in erster Ehe auch mit einem Soldaten verheiratet, und irgendwann wurde er nach Köln versetzt. Ich habe ganz schnell einen Job gefunden bei der Sparkasse. Und genauso einfach ging es weiter für mich, diese Stadt ist irgendwie offen für mich.

“Von Toleranz würde ich nicht sprechen. Die Kölner lassen die anderen eben machen.”

Woran liegt das?

THIEL: An den Leuten. An der Stadt selbst nicht, die ist ja nicht schön. Okay, der Rhein ist schön, der Dom, ein paar Stadtteile sind ganz nett, aber das Besondere kommt durch die Leute hier, die haben’s einfach drauf, die können leben.

Was ist das genau? Doch die viel gerühmte Toleranz?

THIEL: Nee, denen ist es egal.

Das ist was anderes.

THIEL: Genau, von Toleranz würde ich nicht sprechen. Aber die lassen die anderen eben machen. Und sie haben sich ihre Bodenständigkeit bewahrt. Sie wissen, wer sie sind. Dieses Selbstverständnis mag ich.

Sind es wirklich die eingeborenen Kölner, die dieses Selbstverständnis ausmachen? Mein Eindruck als Zugezogener ist oft, dass genau das, was die Imis an Köln mögen, eigentlich das Imi-Köln ist. Sie stehen also, weil sie hier aus freien Stücken leben, dem Ort besonders positiv gegenüber. Die eingeborenen Kölner wirken dagegen manchmal sehr provinziell und verschlossen.

THIEL: Ja, aber genau das gefällt mir. Das internationale Flair und die Offenheit bringen die mit, die zugezogen sind. Dem Kölner ist es egal. Das ist nicht böse gemeint, ich finde das in Ordnung. Ich habe das Glück, viel mit echten Kölnern zusammen zu sein. Die spüren anscheinend, dass ich sie mag, weil ich immer positive Resonanz bekommen. Hier herrscht mein Lebensgefühl. Es gibt auf der Welt tausend Orte, die viel schöner sind als Köln. Aber in Deutschland gibt’s für mich nur Köln.

Warum, glauben Sie, ist das so?

THIEL: Ganz schwer zu sagen. Ich kann mit den Kölnern lachen. Das hört sich jetzt blöd an, aber mit den Düsseldorfern klappt das nicht, da sind mir sogar die Hamburger noch näher.

Warum geht das mit den Düsseldorfern nicht?

THIEL: Das ist natürlich ein Klischee, Köln und Düsseldorf. Ich sag’s mal so: Kölner flachsen gerne. Wenn es irgendwo stressig wird, dann kann so ein lockerer Spruch sehr gut tun, das erlebe ich hier oft. Dann wird allem, was in diesem Moment so ernst ist, die Schwere genommen. Und da sprechen andere Leute in anderen Städten anders.

“Wenn ich in meinem Laden bin, habe ich 1000 Antennen auf und sehe auch nach hinten.”

Haben Sie das Gefühl, einen besonderen Job zu haben?

THIEL: Also, für mich ist es inzwischen was ganz normales. Dass es doch irgendwie ein besonderer Job ist, merke ich manchmal an der Reaktion der Leute. Aber die Leute sollen mich als Person wahrnehmen und nicht für das, was ich als Tätigkeit mache. Ich mache meinen Job so gut, wie’s geht, aber trotzdem habe ich ein Anrecht auf meine Persönlichkeit. Weil nur dadurch kann ich diesen Job so machen, wie ich ihn mache.

Was für eine Persönlichkeit braucht man für diesen Job?

THIEL: Man muss fühlen, man muss spüren können. Ich gehe hier rein, da weiß ich sofort, was für eine Stimmung ist. Diese Feinfühligkeit muss man haben, um Leute motivieren zu können, um im richtigen Moment auch mal was ansprechen zu können. Wenn ich in meinem Laden bin, habe ich 1000 Antennen auf und sehe auch nach hinten.

Ist das ein 8-Stunden-Job?

THIEL: Nee, 24 Stunden. Man ist ständig mit dem Kopf da.

Und wo schalten Sie dann mal ab?

THIEL: Das habe ich inzwischen gelernt. Ich bin zwischenzeitlich ausgebremst worden. IchErika Thiel vor dem Pascha habe zwei Rückenoperationen hinter mir, da ging es gar nicht anders. Nach der ersten habe ich zehn Monate gebraucht, bis ich wieder voll einsteigen konnte. Und zwei Monate später lag ich schon wieder flach, mit genau demselben Problem. Da dachte ich mir: Also irgendwas machst du falsch. Seitdem hat sich meine Einstellung gewandelt. Es gibt hier inzwischen Leute, die das auch machen können. Ich gehe einfach hin und gucke, ob es läuft und mache die Kontakte nach außen, das ist es dann aber auch. Wenn der Körper nicht mehr mitspielt, das ist ein echtes Warnsignal.

Hier in Ihrem Job ist ja alles auf Freizeit ausgelegt. Wie und wo machen Sie denn frei?

THIEL: Also, wenn ich hier in Köln bin, habe ich eigentlich nie frei. Man kennt mich ja überall. Das soll nicht anmaßend klingen, aber es ist schwer, Privatperson zu sein. Letztlich geht es nur mit Reisen. Und ansonsten lese ich viel.

Was war das letzte Buch?

THIEL: „Mieses Karma“ von David Safier, das fand ich ganz schräg. Und davor „Dear Germany“ von Carol Klöppel, der Frau des RTL-Nachrichtensprechers. Ein sehr herzliches Buch.

Und Ihr nächstes Ziel: Rauchen aufhören?

THIEL: Ich hoffe. Und dann geht’s nach New York.

Schon oft versucht aufzuhören?

THIEL: Zweimal. Einmal für zehn Jahre, und dann hab‘ ich Depp wieder angefangen. Und dann noch mal für ein halbes Jahr. Da wurde aber dann jeden Tag, wenn ich in den Spiegel geguckt habe, mehr aus mir. Da hab ich mir gesagt: Das tu ich mir nicht an. Und jetzt muss ich’s andersrum machen. Morgen werde ich mir mein Fahrrad holen und anfangen, mich sportlich zu betätigen. Das ist der erste Schritt. Rauchen ist nicht gut, ich weiß. Und Frauen rauchen sowieso anders als Männer. Wenn sie schon dazu stehen, dann richtig.

Wie hören Sie denn auf?

THIEL: Von jetzt auf gleich. Hopp oder Topp. Kölsche Art.

Dann viel Erfolg. Und vielen Dank.

Das Interview führte Sebastian Züger. Die Fotos stammen von picturetom ®.

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2 responses

  1. Webnews.de tracks back:

    Hier herrscht mein Lebensgefühl…

    Interview und Fotos (von picturetom) mit Erika Thiel, Chefin der Table Dance des grössten Bordells …

  2. anna comments:

    erika is sooo cool!!!!!
    i worked in the night club and i know her and she is super!!! she is a real power women!!!! 10+ for her and for the power she has!!!!!!!

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