Hardy Henkel: „Der Mittelstand ist platt“

Auf seinem Platz an der Vogelsanger Straße ist der Kölner Schrotthändler Hardy Henkel der unumschränkte Chef. Fast jede seiner Antworten endet auf „… is‘ so“, was Widerspruch nahezu unmöglich macht. Ein Gespräch über alte Autos, den Untergang des Abendlandes und die nicht enden wollende Liebe zu Köln.

KB:    Sie haben diesen riesigen Hund da im Zwinger, eine deutsche Dogge. Braucht man den wirklich als Schrottplatzbesitzer? Wird soviel geklaut?

HH:    Natürlich.

KÖLNBILD:     Sie haben hier jede Menge zu tun mit dem An- und Verkauf alter Autos. Gerade konnten wir mitverfolgen, wie Sie sich mit einem unwilligen Verkäufer herumschlagen müssen. Ist das Ihr normaler Alltag?

HH:    Das ist mal so, mal so. Ich kaufe mal 20, mal zehn, mal fünf Autos im Monat. Das läuft jedes Mal anders.

Hardy Henkel ©picturetom

Hardy Henkel ©picturetom

KÖLNBILD:    Wie lange bleibt ein Fahrzeug dann hier auf dem Platz?

HH:    Das ist auch ganz unterschiedlich. Manche sind ganz schnell wieder weg, andere stehen hier jahrelang. So ein Jaguar zum Beispiel, der steht hier ewig. Die gibt’s eben einfach nicht so oft. Ein Golf geht schneller weg.

KÖLNBILD:    Je tiefer man also in Ihren Schrottplatz eindringt, desto älter sind die Fahrzeuge?

HH:    Nein, nicht unbedingt. So ist der Platz hier nicht organisiert.

KB:    Sondern? Geschäftsmodell Chaos?

HH:    Ja, ein Schrottplatz funktioniert halt so. Wobei, es gibt auch aufgeräumte Schrottplätze, aber das habe ich hier nicht nötig. Hier ist überall Folie unter dem Beton, von der Stadt Köln selber. Der Beton ist auch spezieller Beton, und in den Fugen ist spezielles Fugenmittel. Also, hier kann nichts in die Erde eindringen. Da muss schon eine Atombombe kommen. Und deshalb ist die Ordnung, die hier herrscht, vollkommen ausreichend.

“Von 200 Verwertern in Köln sind nur noch 30 übrig.”

Schrottplatz ©picturetom

Schrottplatz ©picturetom

KB:    Wie wird man Schrottplatzbesitzer?

HH:    Das ist erstmal ein ganz normaler Job. Ich hab früher Autohändler gemacht und bin dann durch einen Bekannten in dieser Branche gelandet. Das war vor etwa zwölf Jahren.

KB:    Wie viele Plätze haben Sie?

HH:    Einen habe ich derzeit geschlossen, und dieser hier ist der zweite, den ich selbst betreibe.

KB:    Gibt es viel Konkurrenz?

HH:    Mittlerweile nicht mehr. Ein Privatmann kann machen, was er will, der kann sein Auto in der Garage schlachten, da kräht kein Hahn danach. Aber die Verwerter haben harte Umweltauflagen, und das kostet richtig Geld. So sind in den letzten zehn Jahren von vormals an die 200 Verwertern in Köln nur noch rund 30 übrig geblieben. Und 2010 wird die Altautoentsorgungsversorgung noch einmal verschärft. Dann muss jeder Schrottplatz genau so eine Ausstattung haben wie dieser hier.

KB:    Das ist doch sinnvoll.

HH:    Nein, solche Regelungen werden von Leuten am Grünen Tisch entworfen, die von nix eine Ahnung haben. Die großen Unternehmen, die eigentlich ihre alten Autos hierhin bringen sollten, die verkaufen ihre Altautos irgendwohin ins Ausland, anstatt sie zu verschrotten. Als Schrotthändler kriegt man kaum noch Autos.

“Aber die Vorschriften sind so löchrig, die sind viel zu einfach zu umgehen..”

KB:    Ist das nicht eigentlich besser …

HH:    … die alten Autos mach Afrika zu verschiffen? Ich glaube nicht. Solche Verordnungen werden ja gemacht, damit der Dreck hier im Land ordentlich entsorgt wird. Stattdessen wird er so ins Ausland gekarrt. Aber die Vorschriften sind so löchrig, die sind viel zu einfach zu umgehen. Wenn ein Autohaus eine Schrottkarre in Zahlung nimmt, müssten die die eigentlich vorschriftsmäßig entsorgen. Stattdessen verkaufen sie es einfach und haben so überhaupt keine Probleme mit der Entsorgung und mit dem Wegbringen. Die sind fein raus. Das Geld, das der Kunde für die Entsorgung zahlt, stecken sie sich auch noch in die Tasche und die Verwerter schauen in die Röhre. Logisch.

KB:    Heißt das, dass Sie Ihren Job in absehbarer Zeit aufgeben müssen?

HH:    Wahrscheinlich. Ich fahre ja auch schon zurück.

KB:    Dieser Branche haftet ja schon lange etwas leicht Zwielichtiges an, zum Beispiel in Gestalt des schmierigen Gebrauchtwagenhändlers. Gehören Mauscheleien einfach dazu zu diesem Geschäft?

HH:    Naja, ein bisschen schon. Aber die größten Gangster sind die Abschleppdienste. Was glauben Sie, wie viel Schmiergelder da gezahlt werden?

KB:    Man könnte sich ja tatsächlich die Frage stellen, warum in Köln mittlerweile fast nur ein einziges Unternehmen als Abschleppunternehmen unterwegs ist.

HH:    Dazu sage ich jetzt nichts!

Interview ©picturetom

Interview ©picturetom

KB:    Muss man da mitspielen?

HH:    Als Abschleppunternehmen auf jeden Fall, sonst kriegst du keine Aufträge. Und die Aufträge verteilt die Stadt.

KB:    Gibt es im Schrottgeschäft ähnliche Abhängigkeiten?

HH:    Nein. Im Schrottgewerbe wird knallhart überprüft. Da hat der Staat sein Auge drauf.

KB:    Wenn man sich auf Ihrer Website umsieht, kann man dort so ziemlich alles kaufen, was mit Autos zu tun hat, vom Scheinwerfer-Zubehör bin  zum kompletten Fahrzeug. Was lohnt sich mehr für Sie?

HH:    Für mich rechnet sich das normalerweise mehr, ein Auto in Einzelteile zu zerlegen, als zum Beispiel in ein Auto mit Motorschaden einen neuen Motor einzubauen – es sei denn, es ist ein neues Baujahr. Aber ab einem Baujahr so ab unter 1999 rechnet sich das normalerweise nicht mehr.

KB:    Die gesetzlichen Auflagen für ihren Berufsstand sind streng und werden gleichzeitig, wie Sie sagen, von Privatleuten und Autohändlern umgangen. Macht Ihnen der Job unter diesen Bedingungen noch Spaß?

HH:    Nein, immer weniger. Das Internet macht viel kaputt. Da bieten Leute auf ebay Teile an, was sie per Gesetz eigentlich gar nicht dürfen. Aber in Deutschland geht sowieso alles den Bach runter. Egal in welchem Gewerbe du tätig bist – überall werfen dir die Bürokraten Knüppel zwischen die Beine. Der Mittelstand ist ja schon fast platt. Bald haben wir nur noch Großindustrie und ein paar kleine Gewerbetreibende. Das war’s.

Hardy Henkel ©picturetom

Hardy Henkel ©picturetom

KB:    Woran liegt das?

HH:    In der Politik sind einfach zu wenig Leute unterwegs, die von den Bedingungen vor Ort eine Ahnung haben. Das sind alles nur Bürohengste.

KB:    Gibt es keine Lobby für den Mittelstand?

HH:    Nein, zu wenig. Das hat mit den Gewerkschaften genauso zu tun wie mit den Großunternehmen. Ein Mittelständler kann nun mal nicht dieselben Löhne zahlen, die zum Beispiel Ford bezahlt. Arbeit lohnt sich für einen Normalsterblichen ja kaum noch. Vom Sozialamt gibt es fast genauso viel Geld fürs Herumsitzen und Nasebohren. Und wenn du das mal ein Jahr lang gemacht hast, bist du gar nicht mehr fähig, richtig zu arbeiten.

KB:    Aber irgendwann ist man auf Hartz IV, dann ist es eben doch nicht mehr dasselbe Geld.

HH:    Das stimmt doch nicht. Du kriegst die Wohnung bezahlt, du kriegst den Strom bezahlt, du kriegst Taschengeld. Jemand, der Arbeiten geht und ein kleines Gehalt bekommt, hat vielleicht 100 Euro mehr in der Tasche im Monat. Wieso soll der das denn tun?

KB:    Wie viele Leute sind bei Ihnen angestellt?

HH:    Zwei. Zwei anderen musste ich kürzlich kündigen. Mir reicht es echt. Ich wollte eigentlich schon lange aufhören hier.

KB:     Kann man die Anlage hier nicht verkaufen?

HH:    Die kann man vermieten. Von der Miete könnte ich gut leben. Aber zurzeit bin ich wie der Hamster im Laufrad und schaffe den Absprung nicht.

“Die Stadt kotzt mich immer mehr an.”

KB:    Wo stammen Sie her?

Interview ©picturetom

Interview ©picturetom

HH:     Ich bin in Köln geboren, in Riehl. Einer der schönsten Flecken hier, ein Dorf in der Großstadt. Da wohne ich aber schon seit 20 Jahren nicht mehr. Jetzt wohne ich in Longerich, wegen meiner Frau. Vorher habe ich in Blumenberg gewohnt, aber das wurde ja dann hochkriminell. Da wurden erst ein paar schöne Einfamilienhäuser hingestellt, und später kamen die ganzen Aussiedler, und dann war es mit Blumenberg vorbei. Der Bodenpreis ging total runter, und die Hausbesitzer waren gearscht. Das sollten die mal in Marienburg oder im Hahnwald machen.

KB:    In Riehl besteht diesbezüglich keine Gefahr, da ist kein Platz. Wollen Sie nicht dorthin zurück?

HH:    Das weiß ich nicht. Vielleicht kehre ich Köln ganz den Rücken und hau ab ins Ausland. Dann steig ich in den Immobilienhandel in Osteuropa ein und verdiene mir ´ne Goldene Nase.

KB:    Was hält Sie noch in Köln?

HH:    Das kölsche Herz. Wenn du den Kölner Dom siehst, geht dir das Herz auf. Aber eigentlich kotzt mich die Stadt immer mehr an. Es gibt kaum noch kölsche Kneipen, das „Päffgen“ gibt es noch, aber die werden doch immer weniger.

KB:    Aber trotzdem ist Köln für viele Leute noch immer sehr attraktiv. Woran liegt das?

HH:    Die Kölner sind offenherzig. Aber deshalb wurden hier auch bei der Integration der vielen Ausländer jede Menge Fehler gemacht. Beispiel Eigelstein: die ziehen dort zusammen und schotten sich ab. Sie bauen eine eigene Gesellschaft inmitten der Gesellschaft. Und ich habe weiß Gott nichts gegen Türken, Arkan [einer der Angestellten] ist wie ein Sohn für mich.

KB:    Ist dieses Problem der Integration noch zu lösen? Oder wurden inzwischen zu viele Chancen vertan?

HH:    Gute Frage. Es ist wahrscheinlich schon fast zu spät. Die Politik hat mindestens 20 Jahre verschlafen.

KB:    Der Moscheebau in Ehrenfeld beispielsweise – gut oder schlecht für die Integration?

HH:    Ich fürchte, dieser Teil von Ehrenfeld, der da entsteht, wird sich auch wieder vom Rest abkapseln.

KB:    So eine ethnische Ballung ist allerdings auch ganz menschlich. Das machen die Deutschen im Ausland genauso, siehe Mallorca beispielsweise.

HH:    Ja, natürlich. Und deshalb haben die Einheimischen dort ja auch keine Lust mehr auf die. Das kann ich auch gut verstehen. Die Deutschen treiben die Preise nach oben, und für die Ortsansässigen wird das Überleben immer schwerer. Und jetzt kommen auch noch diese unglaublich reichen Russen und kaufen alles auf. Die haben ja auch keinen Mittelstand. Die einen zahlen 2000 Dollar für ein Tellerchen Salat und nebenan verrecken die Leute auf der Straße.

KB:    Ist das auch unsere Zukunft?

Lager ©picturetom

Lager ©picturetom

HH:    Unsere Zukunft sieht man in den USA. Die verschiedenen Ethnien dort hauen sich jeden Tag auf die Fresse, da gibt es Viertel, da fährt die Polizei gar nicht mehr rein. Und die Reichen schotten sich ab. Wie überall.

KB:    So wird Köln auch?

HH:    Also, die großen Städte auf jeden Fall. Das haben die Politiker nur noch nicht kapiert.

KB:    Aber Sie haben doch ein Haus in der Mosel. Ist das Ihre persönliche Flucht vor den Problemen der großen Stadt?

HH:    Das ist auf jeden Fall eine heile Welt. Das Haus gehört meiner Mutter, es liegt in der Nähe vom Cochem.  Dort herrscht eine himmlische Ruhe.

KB:    Aber trotzdem hängen Sie noch an Köln.

HH:    Ja, trotzdem. Das wird nie aufhören. Das ist angeboren. Kaum ein Volk hängt so sehr an seiner Stadt wie die Kölner an Köln. Das sieht man zum Beispiel an der Liebe der Leute zum FC. Die standen schon mit einem Bein in der dritten Liga, trotzdem war das Stadion voll.

KB:    Woher kommt diese besondere Heimatverbundenheit?

HH:    Das hat mit der Mentalität zu tun. Der Kölner sieht alles relativ locker. Das prägt das Lebensgefühl dieser Stadt. Und außerdem hat Köln eine Jahrtausende alte Geschichte. Das prägt auch.

  • Share/Save/Bookmark

No related posts.

Leave a Reply