‘Köln ist eine Art Referenzpunkt für mich.’
Der Sänger und Songwriter Patrice über die Angst vor dem Abheben, sein Leben zwischen Brooklyn und (Kerpen-) Brüggen und seine Gefühle gegenüber dem Summerjam. Ein Gespräch.
Patrice ist einer der derzeit bekanntesten Musiker aus Köln. Dafür sorgt auch „Free Patri-Ation!“, sein aktuelles und insgesamt viertes Studio-Album. Mit seiner intelligenten und sensiblen Melange aus Reggae-, Songwriter-, Soul- und HipHop-Elementen feiert er Erfolge rund um den Globus – und kehrt doch immer wieder zu seinen Wurzeln zurück: nach Kerpen-Brüggen. Patrice ist Sohn von Gaston Bart-Williams, einem Schriftsteller aus Sierra Leone, und einer Kölnerin.
WIR SIND KÖLN: Wenn man deinen Lebenslauf studiert, finden sich darin scheinbar überhaupt keine Brüche. Du hast als Jugendlicher angefangen, Songs zu schreiben, 1999 Abitur gemacht und warst schon im selben Jahr mit Lauryn Hill auf Tour. Ging es für dich tatsächlich immer nur berauf?
PATRICE: Also, meine Musik überhaupt rauszubringen, war schon ein Kampf. Auch als es dann mit Yo Mama Records geklappt hat, konnte niemand sicher wissen, ob das funktioniert. Ich hatte aber von Anfang an das Glück, in verschiedenen Ländern Hörer zu finden. Wenn es also in einem Land etwas stagniert hat, ist in einem anderen was passiert. Aber ein bisschen stimmt der Eindruck schon: Es ist tatsächlich kontinuierlich gewachsen, und zum Glück langsam und stetig. Es gab keine große Explosion und auch keinen dementsprechenden Absturz. Die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, sind meistens wirklich am Künstler interessiert und nicht nur an der letzten Single. Allerdings spüren wir zurzeit alle sehr stark die Einschnitte, die die Krise der Musikindustrie mit sich bringt. In Deutschland und Frankreich sind die Umsätze mit CDs um mehr als 40 Prozent eingebrochen, allein in den vergangenen zwei Jahren. Nur in England ist der Markt noch einigermaßen gesund.
Bist du dort, in England, ähnlich präsent wie in Frankreich?
PATRICE: Nein. Da habe ich immer noch zu kämpfen. Die Engländer haben in Sachen Popmusik eine sehr arrogante Haltung gegenüber allem, was aus dem restlichen Europa kommt. Die sagen sich: „Wir haben doch schon alles hier, wir sind die älteste Musikindustrie der Welt, warum sollen wir dann von außen was mit reinnehmen, was nicht gerade amerikanisch ist?“ Ich muss da noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten.
“Das Gefühl, dass ein Song wirklich fertig ist, ist ein großes Erfolgserlebnis”
Trotz solcher Schwierigkeiten kann man aber feststellen, dass du einer der wenigen Musiker aus Deutschland bist, die international erfolgreich sind. Wie fühlt es sich an, ein Star zu sein? Oder ist das irgendwann auch nur Alltag?
PATRICE: Naja, ob du wirklich erfolgreich bist, richtet sich ja immer auch nach deinen Zielen. Wenn ich zum Beispiel eine neue Platte mache oder einen neuen Song schreibe, muss ich jedes Mal mit mir ringen, um der Idee, die ich in meinem Kopf habe, auch wirklich gerecht zu werden. Das Gefühl, dass ein Song wirklich fertig ist, ist ein großes Erfolgserlebnis, und noch viel besser, wenn ich ein ganzes Album fertig habe, das meinen Ansprüchen gerecht wird. Und wenn dann Leute das mögen, was du in deinem stillen Kämmerlein geschrieben hast, dann bedeutet das schon extrem viel. Das ist eine große Ehre, weil du auf diese Weise teilnimmst an deren Leben, weil deine Musik ihnen etwas bedeutet. Das lehrt mich immer wieder Demut, ich würde das nie Alltag nennen. Aber man will natürlich immer mehr, man strebt immer nach neuem Erfolg. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das nicht tue. Und ich bin immer abhängig davon, dass ich Ideen kriege, dass ich inspiriert bin. Das ist für mich immer wieder ein großes Geschenk. Ideen kreiere ich nicht, die kommen zu mir.
Wo gewinnst Du Deine Inspiration?
PATRICE: Ich hab angefangen, Lieder zu schreiben, aus einem Drang heraus. So ist das immer noch. Wenn nichts mehr da ist, dann weil ich diesen Drang nicht mehr verspüre. Ideen sind eigentlich immer da, es hängt aber von deiner Sicht auf die Dinge ab, ob du sie auch als solche erkennst. Maler zum Beispiel sehen in den realen Dingen etwas Neues und malen das dann. Dafür halten die einen sie für verrückt, die anderen für Genies. Das meiste kommt aus dem Leben und aus persönlichen Erfahrungen. In meiner Musik geht es aber um alles, was mich als jungen Menschen in dieser Welt berührt, sei es Liebe, sei es Politik, seien es Dinge, die mich stören oder die gut sind. Wenn ich es für relevant halte, schreibe ich darüber. Aber ich muss nah bei mir selbst sein, um Inspiration zu finden. Wenn ich jetzt extrem abheben und voll dieses Star-Ding leben würde, würde ich auch meine Inspiration verlieren. Weil ich dann nicht mehr bei mir bin.
“Köln ist die Stadt, die mir am meisten vertraut ist in Deutschland”
Bist du gefährdet abzuheben? Oder bist du, vielleicht auch aufgrund deiner Herkunft, deiner Familie, deines Freundeskreises, so gesettelt, dass dir das eigentlich nicht passieren kann?
PATRICE: Ich glaube, das kann jedem passieren. Die meisten realisieren das ja gar nicht. Da es bei mir so früh losging, gab es sicherlich Momente, in denen das der Fall war. Ein Produzent, mit dem ich mal zusammengearbeitet habe, meinte zu mir: Wenn der Erfolg sich einstellt, dann drehen die meisten erstmal durch. Und die Frage ist dann, wie schnell sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückfinden. Ich glaube, ich bin definitiv wieder auf dem Boden. Deshalb ist es gut, dass ich genügend Zeit hatte, wieder runterzukommen, ohne größere Fehler zu machen, ohne zum Beispiel ein ganz schlimmes Album zu machen.
Inwiefern ist Köln als Ort, aus dem du stammst und in dem du noch immer lebst, wichtig für dich und deine Karriere?
PATRICE: Das wichtigste sind auf jeden Fall die Leute, mit denen gemeinsam man aufgewachsen ist. Und diese Leute sind geprägt von dem Ort, an dem sie leben. Köln ist die Stadt, die mir am meisten vertraut ist in Deutschland. Deshalb erlebe ich eine gewisse Ruhe, hier kenne ich mich aus, hier kann ich einfach entspannen. Köln ist eine Art Referenzpunkt für mich. Denn man selbst verändert sich ja ständig, aber wenn man dahin zurückkehrt, wo man aufgewachsen ist, kann man sich vergleichen. Ich schätze meine Nachbarn sehr, das sind ganz normale Leute. Ich habe soviel Halligalli um mich, wenn ich toure und reise, deshalb bin ich immer froh, wenn ich wieder zuhause bin in meinem vertrauten Umfeld. Ich wohne ja inzwischen die Hälfte meiner Zeit in New York, aber die andere Hälfte bin ich eben in Köln. Das heißt: mein Studio ist in Köln, in Niehl-Longerich. Aufgewachsen bin ich in Kerpen-Brüggen, ein ganz kleines Kaff. Das ist mein Referenzpunkt.
Was verschlägt dich dann nach New York? Das ist doch das komplette Gegenteil?
PATRICE: Stimmt. New York ist cool, denn du hast die ganze Welt in einem. Du stehst an der Ampel, und hast alle Nationen um dich rum. Dadurch ist man da auch sofort zuhause, weil du dich in diesem Mischmach aus Menschen sofort wieder finden kannst. Das hat eine extreme Energie. Ich lerne dort sehr viel dazu. Es ist eine große Inspiration für mich, dort zu sein.
Da du ja immer pendelst zwischen Köln und New York – wo sind die Songs zum neuen Album denn dann tatsächlich entstanden?
PATRICE: Ich schreibe eigentlich immer Songs, wenn mir was einfällt. Nicht nur für Alben. Das passiert eigentlich überall: in Hotelzimmern oder bei mir zuhause in Kerpen-Brüggen oder in Brooklyn und New Jersey. Bei diesem Album war es so, dass der erste Song des Albums, „Clouds“, entstand, als ich von einem Menschen sehr überrascht war. Der war dann vom Stil her so, das ich dachte: Da soll das Album hin. Da stecken afrikanische Einflüsse drin, aber nicht weltmusikalische, sondern moderner. Deshalb habe ich den Song auch als erstes aufgenommen mit der Band, mit der ich den Großteil des Albums eingespielt habe.
“Ich glaube, dass das rheinländische Gemüt und diese Art von Musik gut zusammen passen”
Neben dir ist Gentleman der andere international bekannte Reggaestar aus Köln. Hast du eine Erklärung dafür, weshalb Köln eine derart starke Szene hat, die sich mit Reggae und verwandten Musikstilen beschäftigt?
PATRICE: Ich glaube, dass das rheinländische Gemüt und diese Art von Musik gut zusammen passen, beide sind offen und fröhlich. Einen großen Beitrag haben aber sicher auch die Soundsystems dazu geleistet, also zum Beispiel die Tatsache, dass das Pow-Pow-Movement jahrelang jeden Freitag im „Petit Prince“ eine Reggaenacht hatte, das hat viele Menschen hier entsprechend sozialisiert. Anfangs waren natürlich nur die Puristen da, aber dann wurde es ein Trend, dann kamen die ganzen Teenies. Ich persönlich bin damit aufgewachsen, aber eigentlich hat die Musik, die ich heute mache, damit gar nicht mehr so viel zu tun. Ich sehe mich heute eher als Singer-Songwriter, ich setze mich hin mit einer Gitarre und spiele ein Lied. Letztlich sind die Stile keine Sache, über die ich mich definiere, sondern lediglich Stilmittel, mit denen ich arbeite. Ich sehe mich also nicht als Reggae-Künstler, sondern als Singer-Songwriter, der sich in großem Maße beim Reggae bedient, aber auch Soul-Einflüsse aufnimmt, oder aus dem HipHop oder Folk.
Wie kommt diese Rückkehr zu den Wurzeln an? Es gab Kritiken zu deinem neuen Album, die eher enttäuscht darüber waren, dass jetzt alles so „zurückgenommen“ sei.
PATRICE: Naja, was heißt „zurückgenommen“? Ich merke das, wenn ich jetzt in Deutschland auf den Festivals spiele, da wird Musik in erster Linie als Entertainment und Kommerzgut gesehen, aber nicht als Möglichkeit, tiefe Wahrheiten auszudrücken. Ich mache halt kein Entertainment in erster Linie und auch keine kommerzielle Musik, sondern Musik mit einem gewissen Anspruch und versuche, Musik als etwas Ganzes zu sehen und etwas zu machen, das es in dieser Form noch nicht gibt. Ich will nicht der fünfzigste Reggaekünstler sein, der trotzdem nicht so gut ist wie die, die damit aufgewachsen sind oder die es früher gab. Die waren einfach tausendmal besser. Ich versuche, was Neues zu finden, das hat nichts mit Zurücknehmen zu tun. Es gibt einfach verschiedene Möglichkeiten, Menschen zu erreichen. Du kannst es versuchen mit Lautstärke und Geschwindigkeit, aber auch mit emotionaler Ansprache. Du gibst ihnen einen wunderschönen Song, der vielleicht auch eine tolle Geschichte hat, und somit wirkt das erstmal langsamer und subtiler und es klingt auch erstmal ein bisschen zurückgenommen. Aber am Ende des Tages ist es etwas, was ich als stärker empfinde und zeitloser.
“Ich fühle mich überall gut aufgehoben, wo die Menschen gute Musik hören wollen”
Fühlst du dich dann in einem Rahmen wie dem “Summerjam”-Festival am Fühlinger See, bei dem du ja fast schon Stammgast bist, überhaupt noch gut aufgehoben?
PATRICE: Wie gesagt: Ich sehe Musik gar nicht so in Genres, und Musik tut das auch nicht. Musik ist einfach entweder gut oder schlecht. Und wenn man sich zum Beispiel Sachen von Bob Marley anhört, dann spricht man zwar immer noch vom „King of Reggae“, aber wenn man genau hinhört, dann weiß man, dass er auch eine Soulphase hatte, er hat Chris Blackwell an seine Sachen gelassen, der hat weiße Rockmusiker aus England drüber spielen lassen und hat seine Musik so international gemacht. Und zu diesem Zeitpunkt wurde Bob Marley zuhause in Jamaika auch nicht gefeiert. Aber heute sehen die Leute das anders und haben das verstanden. Man muss eben seinem eigenen Anspruch gerecht werden, als Mensch genauso wie als Künstler. Ich fühle mich überall gut aufgehoben, wo die Menschen gute Musik hören wollen. Und das ist das gute an Musik: Sie filtert, sie sucht die Menschen raus, die richtig sind. Und wenn man also von der Resonanz ausgeht, denke ich, dass ich auf dem “Summerjam” sehr gut aufgehoben bin. Deshalb spiele ich da auch so oft.
Ist es noch etwas Besonderes für dich, dort aufzutreten?
PATRICE: Das “Summerjam” ist etwas sehr Besonderes. Ich war da früher immer als Zuschauer. Da konnte man auch nie was deichseln mit Gästeliste oder Backstage-Pässen. Da musste man immer Karten kaufen, deshalb war das umso mehr ein Ereignis. Und dann ist das immer auf meinen Geburtstag gefallen. Deshalb war das Summerjam immer so ein Pflock in meiner Geschichte: Aha, wieder ein Jahr rum. Das hat immer etwas sehr Besonderes, weil ich früher da unten stand und rauf schaute, und nur dachte: Wow! Und heute spiele ich selber da oben.
Mit Patrice sprach Sebastian Züger.
Das Interview erschien im Vorfeld des “Summerjam 2008” in gekürzter Version im “Kölner Stadt-Anzeiger“.
Sämtliche Bilder stammen vom Myspace-Auftritt Patrice’.
-> Zur offiziellen Website von Patrice
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